ADAM FISCHER über das Musizieren auf österreichisch-ungarische Art und Weise.

Bei der Gründung der Österreichisch-Ungarischen Haydn-Philharmonie war eines meiner Ziele als Künstler, den in Mitteleuropa traditionellen "mündlichen" Charakter beim Spielen und Interpretieren der Musik zu bewahren, kultivieren und zu entwickeln. Es gibt ja so etwas wie eine lokale 'Mundart', in anderen Worten einen besonderen Interpretationsstil, der sich durch eine gewisse Freiheit bei der Dynamik und dem Rubato im Rahmen der Notierung auszeichnet soweit dies vom Dirigenten gefördert wird. Wir glauben, dass es sich bei dieser Spieltradition um ein kulturelles Erbe von höchstem Wert handelt, das es zu schützen gilt.Ganz von Anfang an vermittelte mir die Feststellung, zu welchem Grad ungarische, und österreichische Musiker beide diesen traditionellen Interpretationsstil einsetzen, ein außerordentliches Gefühl. Es ist schwierig, diesen Stil in Worte zu fassen; er ist ein natürlicher Fluss von Ritardandi, rhythmischen Abweichungen, Accelerandi, Akzenten und so weiter, die die Musik lebendig machen und die ihr innewohnende Dramatik offenbaren. Diese "musikalischen Freiheiten" sollten vom Publikum nicht in ihren Einzelheiten wahrgenommen werden. Ihre Funktion lässt sich am besten mit der Würze eines Gerichts vergleichen: man merkt nur, wenn sie fehlt.

Da ich Ihnen einen Eindruck dessen vermitteln möchte, was ich meine, werde ich versuchen, das Unmögliche zu tun: das Musizieren in Worte zu fassen. Lassen Sie mich Ihnen einige Beispiele des Orchester-Jargons geben, den wir bei unseren Proben zum Beschreiben musikalischer Lösungen verwenden: Achtzehntelnote: eine leicht gekürzte Sechzehntelnote mit tänzerischen Eigenschaften.

Der aufstampfende Auftakt: ein bäuerliches Ritardando im Auftakt, gefolgt von einem leicht hinausgezögerten ersten, stark akzentuierten Schlag; findet meist in Menuetten Anwendung.

Fesches Präsentieren: eine besondere Betonung bei der Synkopierung, häufig bei Begleitfiguren der zweiten Violine und Viola.

Hinspielen zur Spitze: ein natürliches Crescendo zur höchsten Note in Achtzehntel-Figuren. Damit wird der Kontrast zu Figuren in anderen Gruppen verbessert.

Dies sind nur einige Beispiele. Es ist für mich faszinierend zu beobachten, zu welchem Grad, diese "Mundart" in Österreich und Ungarn trotz jahrzehntelanger Trennung durch den Eisernen Vorhang überlebt hat.

Haydn auf modernen Instrumenten?

 

Zuerst einmal möchte ich anmerken, dass ich sehr stark für die Verwendung zeitgenössischer alter Instrumente bin. Ich bin Dirigent von Orchestern, die sie verwenden, und ich bin ein leidenschaftlicher Verfechter der Theorie, dass jeder Musiker zumindest lernen sollte, sie zu spielen, da dies bei der Entwicklung des musikalischen Geschmacks des Spielers helfen kann und die Instrumente ein Schlüssel zum Verständnis der Funktion alter Musik sind. Wir verwenden moderne Instrumente aus zwei Gründen: erstens kommen unsere Musiker von den führenden Orchestern Wiens und Budapests. Sie spielen die Instrumente, mit denen sie aufgewachsen sind - hierzu zählen zum Beispiel Wiener Hörner und Oboen - und sie benötigen diese Instrumente, um sich auszudrücken. Zweitens möchte die Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie auf jeden Fall eine Alternative zu historischen Ensembles für Musik des 18. Jahrhunderts anbieten. Unser Stil basiert auf jener lebendigen Tradition des österreichisch-ungarischen Musizierens. Wir kultivieren unser eigenes 'Lokalkolorit', einen Fluss von Rubati, Akzenten und so weiter, die Haydns Musik lebendig machen und dem Spiel Dramatik verleihen. Einige Elemente dieser Tradition sind bereits auf neuen Instrumenten entwickelt worden und können auf ihnen besser realisiert werden.

 

Sogar radikale Befürworter zeitgenössischer alter Instrumente sind sich einig, dass die Persönlichkeit des Spielers wichtiger als die Frage ist, auf welchem Instrument er spielt. Ich versuche Spieler auszuwählen, die eine persönliche Neigung zu Haydns Musik fühlen. und die in der Lage sind, diese Identität in ihrem Spiel auszudrücken und die sofort und automatisch auf die Rubati der anderen Spieler reagieren. Ausschlaggebend ist, dass das Konzert spannend und überzeugend ist. Eine langweilige Aufführung bleibt auch dann ein Verbrechen, wenn sie historisch richtig ist.

 

Und zu guter Letzt ist unser Spiel doch nur authentisch, wenn wir im Zuhörer die gleichen Gefühle hervorrufen wie die Musik vor zweihundert Jahren. Da unser Wahrnehmungssinn weitaus größere Veränderungen als die Instrumente erfahren hat, reicht es beileibe nicht aus, den Klang wieder zu erschaffen und damit die gleiche emotionale Wirkung hervorrufen zu wollen.

 

Adam Fischer

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